Mittwoch, 18. November 2015 //     0 ❞
Ich neige dazu, im Leben nur mich zu sehen. Schon klar, ich bin der Mittelpunkt meines Lebens, aber dass es ab dem Moment, wo man Zeit mit jemand anderem verbringt, plötzlich um zwei Leben geht, nehme ich manchmal unsensiblerweise zu wenig oder zu spät wahr. So habe ich gerade letzte Woche meine beste Freundin einen ganzen Abend lang nicht gefragt, wie es ihr geht, wie es im Studium läuft und wie sie mit allem klar kommt, sondern nur ununterbrochen von meinen Erlebnissen im Beruf erzählt, angetrieben daher, da sie letzte Woche das erste Mal einen Teil meines Arbeitstages miterlebt hat. Das tat weh, zu merken, dass ich wieder einmal nicht unfehlbar war. So möchtet man doch nicht sein, plötzlich zu bemerken, wie egozentrisch man sich gerade verhält. Noch mehr weh tat, dass mich meine beste Freundin darauf hinweisen musste... 

Heute Abend ging ich im Universitätsspital die Mutter einer Freundin besuchen. Sie hatte Krebs, zum dritten Mal. Jetzt, nach der OP ist sie auf rasantem Weg der Besserung. Sie ist eine Kämpfernatur. Und dennoch kann ich mir sehr gut vorstellen, was genau ihr ihre Kräfte geraubt haben, dass diese Unordnung in ihrem Körper entstand (angelehnt an ein Buch von Ruediger Dahlke). Sie arbeietet auf gleichen Gebiet, im fast gleichen Berufsfeld wie ich. 
Ich habe zwei Mal eine Zeit lang bei dieser Freundin und ihrer Mutter gelebt. Habe schon einmal eine solche Phase miterlebt. Erhöhte Werte, Verdacht, Diagnose, Prognose, Operation, Reha, Chemo, Aufbau. Ich habe miterlebt, wie ihre Tochter alles mitgetragen hat, selbst eine unglaubliche Kämpfernatur. Eine Art Mensch, die ich bewundere, wie viel sie leisten können und wollen, wie viel sie vertragen, ohne selbst daran einzugehen. 
Und doch während des Besuches im Spital merkte ich, wie ich vor allem daran dachte, was ich davon mitnehmen kann, jemanden, den ich kenne, so zu sehen, mit dem Gedanken, ich kann dankbar sein für das, was ich habe. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, war das alles andere als selbstlos, sie zu besuchen. Die gekauften Lilien gefielen mir sehr, jedoch wollte ich auch äusserlich eine Person sein, die einen in solchen Situationen auch besuchen kommt, à la echte Freunde. Aber bin ich das wirklich? Hätte ich es, auch in Gedanken, nicht einfach ihr zu liebe tun können? Ich weiss nicht, ob man das versteht, was ich meine, aber ich habe mich sozusagen von Aussen her angeschaut, zugeschaut, dass ich mich gut verhalte. Natürlich ist sie mir auch wichtig, ich habe mich gefreut, sie (über dem Berg) zu sehen, aber darf der andere Gedanke überhaupt mitschwingen, um sich ein guter (selbstloser) Mensch nennen zu können? Es kann sein, dass viele schon sagen würden, ach jetzt spinnst du definitiv, aber die innere Haltung und Beweggründe, die zu einer Handlung führen sind genauso wichtig, wenn man sich sensibel mit dem auseinandersetzt. 

Diese Bild entstand, als ich ebendiese Freundin und ihre Mutter gemeinsam fotografiert habe, damit die Mutter ein Bild hatte, wenn sie einschlief und nach der OP wieder aufwachte. Ich fragte meine Freundin, ob wir mal die Seiten wechseln wollten, ich vor, die hinter der Kamera. 

Ich mag dieses Bild, vielleicht wieder deshalb, weil nicht wirklich ich zu sehen bin. Anonymer und somit geheimnisvoller als in der Realität. Und die Locken. Das einzige, was ich bedingungslos an meinem Körper liebe :D 


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